Ein etwas anderer Reisebericht.

Dieses Jahr im Juni hatten wir das Vergnügen 15 Tage im Iran, genauer gesagt in der Stadt Kashan tätig zu sein. Fast hätte ich gleich zu Beginn die Anfrage freundlich zurückgewiesen, aber etwas Neues ist etwas Neues.

Doch erstmal der Reihe nach. Begonnen hat das Abenteuer mit einem Anruf: „Paulus, edle Räume, guten Tag“. „ Hello Mr. Paulus, my name is P.M., i´m calling from Iran.” – upps! Von wo? Ungewöhnlich genug Jemanden am Telefon zu haben der Englisch spricht – aber Iran?!

Die anfängliche Überraschung wich schnell dem Interesse. Um was geht´s? Bodenflächen? Ja klar machen wir. Im Iran? Hm?! Äh, ja eventuell. 400 Quadratmeter in 37 Flächen? Ok. In Weiß? Puh, heftig. „Please send all informations to our email account.“

Zeit um Nachzudenken. Was hat die Architektin alles gesagt? Ein Gebäude im traditionellen Stil, 300 Jahre alt und wieder aufgebaut. Wird ein Architekten Treffpunkt, ein „historisches Stilhouse“ für Betuchte. Klingt doch schon mal gut.

Innerhalb der nächsten Stunden waren die ersten Informationen da, verbunden mit dem Vorschlag in unsere Ausstellung zu kommen. Das war Ende Januar. Zahlreiche Emails später, Ende Februar der erste Besuch in unseren Räumen. Erwartungshaltung: neugierig.

Unsere Interessentin kommt nicht alleine. Ein ihr gut bekannter Architekt (aus München) ist dabei. Das vereinfacht die Sache erheblich. Nach der Begrüßung und Vorstellungsrunde folgt die ausführliche Besichtigung unserer Ausstellung. Offensichtlich finden unsere Oberflächen und Möglichkeiten Gefallen und von Anfang an ist da so etwas wie zartes Vertrauen. Schön!

Optisch sind die Bodenmuster schnell geklärt, dann geht´s an die technischen Fragen. Die Bauweise im Orient unterscheidet sich stark von der hiesigen. Es gibt keinen Estrich. Nur den Beton, eingegossen und etwas geglättet. Außerdem gibt´s auch keinen Keller oder eine Abdichtung. Der Boden muss diffusionsoffen gehalten werden. Die Stadt Kashan steht zwar am Rande der Wüste, aber Bodenfeuchtigkeit ist vorhanden und muss hindurchdiffundieren können. Das macht´s schon mal nicht leichter, vielleicht sogar unmöglich.

Also ran ans Telefon und diverse Lieferanten löchern. Wir benötigen ein diffusionsfähiges, matt/seidenmattes PU, EP, am besten wässrig, 2K und natürlich solls‘s auch noch UV-stabil sein. Bei dem Lastenheft winken die Ersten gleichmal ab. Gibt es nicht, geht nicht usw. Meine Recherchen führen mich in die Schweiz, Spanien und über den großen Teich. Resultat: Schweiz schafft es nicht innerhalb 4 Wochen überhaupt eine vernünftige Aussage zu treffen, Spanien verspricht Mustermaterial – nach 4 Wochen kommt es auch schon bei uns an. Die Amerikaner geben sich deutlich mehr Mühe. Sie wollen Versuche machen. Haben auch wässriges, angeblich diffusionsfähiges EP, nur die UV-Beständigkeit müssen sie noch prüfen. Das klingt doch schon mal gut. Parallel laufen auch unsere Versuche mit 2K PU Material unseres deutschen Lieferanten.

Nochmal 2 Wochen vergehen. Dann sagen die Amis ab. UV-Licht war der Killer. Aber unsere eigenen Versuche laufen mehr als zufriedenstellend. Also drei Muster gefertigt in verschiedenen Weißtönen und ab die Post nach Kashan. Zwei Wochen später die Rückmeldung: „The samples are very good, Mr. Paulus“ – läuft!

Was dann folgte kennt jeder: Angebot, Auftrag. Dann nochmal Bemusterung in passenden Tönen. Die Wände am Projekt sind durchwegs mit Kalk geglättet, geschlämmt und geschliffen. Im traditionellen Stil mit wunderschönen Stuckarbeiten, geometrischen Mustern, Nischen und Gesimsen. Dazu sollen natürlich auch die Böden passen. Die Anpassung von Farbtönen ist unser täglich Brot – also erstmal keine große Sache – doch dazu kommen wir später.

Der ursprünglich angepeilte Termin im April war natürlich nicht mehr zu halten. Also im Mai. Es wird halt nur jede Woche etwas wärmer. April so um die 22 -24 Grad, Mai um die 30 Grad. Mit der ganzen Bemusterung, Bestellung, Zahlungseingang, Versand per Luftfracht und Zeit für die Zollabfertigung wurde es aber dann Juli, 40 – 43 Grad. OMG. Das wird hart.

Airport MUCAlso ab zum Flughafen und rein in den Flieger. Flughafen Teheran, abends um 20:00 Uhr, 35 Grad – ein kleiner Vorgeschmack. Unser Fahrer fährt uns dann ca. 200 km Richtung Süden. Der Verkehr ist Wahnsinn, von Fahrstil kann man hier nicht sprechen. Eine andere Kultur zeigt sich eben auch im Umgang mit Verkehr und Fahrzeug. Als wir im Hotel ankommen sind wir gut 14 Stunden unterwegs gewesen. Also rein ins Bett.
Weg zur Baustelle

 

Am nächsten Morgen dann zur Baustelle. Zu Fuß ca. 1 km vom Hotel durch kleine Gassen, ca. 3 m breit und gesäumt von alten, krummen, teils schäbigen Mauern mit unterschiedlichsten Materialien. Ziegel, Naturstein, Lehm mit Stroh – dass das alles noch hält?

 

 

 

Im Projekt dann eine völlig andere Welt. Alles ist sauber, weiß, akkurat. Unglaublich. Unglaublich ist auch, dass unser Material und unsere Werkzeuge noch nicht vor Ort sind. Drei Wochen zuvor per Luftfracht nach Teheran und da liegt unsere Lieferung nun im Zoll. Ob es an der möglicherweise sehr genauen Arbeitsweise der Beamten lag (wie bei uns ja auch üblich) oder das Zolllager einfach zu unübersichtlich ist, war nicht zu erfahren. Nur über wirklich gute Beziehungen in die richtigen Kreise waren dann zwei Tage später unsere Materialien und unser Werkzeug vor Ort. Puh!

Die untätigen zwei Tage wurden uns von der Auftraggeberin aber wirklich versüßt: Eine Stadtführung durch die historischen Gebäude, Märkte und Moscheen der Stadt (mit Fotosession), der Besuch in einem Basar mit Dachkletterei am ersten Tag und ein Trip in die Wüste mit Off-Road Einlagen, Sonnenuntergang, Barbecue und Lagerfeuerromantik im Nachgang waren einzigartige Erlebnisse und werden sicher in unserer Erinnerung Bestand haben.

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Interessant auch die Tatsache, dass das Dach des Basars aus einer Lehm-Kalk-Mischung unter Zugabe von Stroh so stabil ist. Natürlich regnet es hier äußerst selten, aber wenn? Alleine das Betreten dieser Oberfläche löst im ersten Moment so etwas wie Unbehagen aus. Es fühlt sich weich an, fast wie ein hochfloriger Teppich. Das anfängliche Misstrauen wurde aber schnell von der Neugier besiegt. Wenn der Shopbesitzer mit aufs Dach kommt, ist das Gefahrenpotential wohl als gering einzustufen. Die Aussicht war gewaltig und mich beschleicht die Vermutung hier den Ursprung so mancher Kulisse aus Star Wars zu sehen.

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Bazar
BazarAuf dem Rückweg dann ein wenig Stöbern im Second Hand Shop für Alles was die Meisten nicht mehr benötigen. Interessantes hängt und steht neben Unbekanntem, alte Kisten aus Blech und Holz, geschmiedete Ketten aus dem vorigen Jahrhundert (oder davor?). Wasserpfeifen, Dosen und Glasgefäße. Eine schier unendliche Sammlung aus Allem was die Kultur in der Vergangenheit so hergab. Ob man davon leben kann? Scheinbar.

 

 

 

 

Am 3. Tag ging´s dann zur Sache:

Arbeitsbeginn: Nach der Besichtigung am ersten Tag war ja schon klar, dass das Alles nicht so ganz einfach wird. Die Böden waren zwar wie besprochen geschliffen, also einigermaßen glatt. Aber glatt und gerade, beziehungsweise eben sind nun doch unterschiedliche Attribute. Die Dellen in den Flächen waren teilweise so ausgeprägt, dass wir mit unseren Malerrollen für die Grundierung oftmals nicht in die Vertiefungen gelangen konnten. Und das soll eine homogene Fläche werden? Hm.

Zu allem Überfluss kam noch ein Faktor hinzu: RISSE. IMG_9685Zahllose Risse durchzogen ca. 80% der Böden. Beton ist eben nicht Beton. Die beliebte „kleine Hammerprobe“ brachte es dann zu Tage. Auf einer Lage suboptimalen „Magerbeton“ wurde eine Schicht mit ca. 10 mm mit einer Art Betonspachtel aufgebracht und geglättet. Nicht gut. Also eine erste Lagebesprechung mit der Architektin. Nach einer kurzen Erklärung der Lage wird der Bauleiter geholt. Jetzt dauert´s länger. Der Bauleiter kann kein Englisch, Deutsch sowieso nicht. Also wird fleißig hin und her übersetzt. Ich versuch so sozialverträglich wie möglich zu vermitteln was ich hiervon halte. Das Ganze auch noch auf Englisch. Das benutz ich nur im Urlaub zum Bestellen von Essen, Getränken oder Zimmerbuchung. Hier ist das eine ganz andere Nummer. Aber ich lern schnell und schon bald gibt’s keine Probleme mehr. Nur der Bauleiter, Freunde fürs Leben werden wir wohl nicht 😉

Die gleiche Baustelle in Deutschland und wir hätten sofort, nach ordentlicher Bedenkenanmeldung, die Baustelle verlassen. Aber wir sind ein paar tausend Kilometer südlich. Davonlaufen gilt nicht. Wir sind die Spezialisten, die Außerirdischen, die Zauberer und wir haben einen Ruf zu verlieren. Also weiter. Die Risse werden auf gefräst, genässt und zementär verspachtelt, nachgeschliffen und grundiert. Ja, ich weiß es auch. Das ist nicht wirklich fachgerecht. Aber der Untergrund ist es auch nicht. Deutsche Anforderungen an Untergrundbeschaffenheit gelten hier nicht. Das wird kommuniziert und gut ist. „Die Risse werden wiederkommen“ sag ich und die Architektin antwortet sinngemäß: „Das können wir wohl nicht ändern.“. Am Schluss waren´s dann über 250 Meter. Zusatzleistung! Aber wir haben ja Zeit.  5-6 Stunden/Tag und Mann an Arbeitsleistung, gemessen an hiesige Bedingungen, waren kalkuliert. 15 Tage vor Ort, 1 Ruhetag. Soweit die Planung.

Zeitverlust bisher: 2 Tage wegen Zoll und 1 Tag wegen Rissen.

Also erstmal Vollgas.

Wir legen los. Das Abdecken der Ränder geschieht parallel  zur Grundierung. Unser Michi geht mit Energie und Ausdauer voran. Erfahrung ist durch Nichts zu ersetzen. Die sehr kurze Trocknungszeit ermöglicht zeitnahes Aufbringen der ersten Lage Marmorputz. Und wir sind schnell – richtig schnell. Als eingespieltes Team mit reichlich Erfahrung läuft´s auch auf diesem Untergrund echt gut. Ich bin begeistert und es kommt sowas wie Euphorie auf. Vorerst.

Wir geben richtig Gas und am fünften Tag sind alle Flächen grundiert, knapp 100 m² 2-mal gespachtelt, mit Zwischenschliff. Geil! Dann die erste Lage Versiegelung. Läuft – NICHT!!!

Nach der Versiegelung ist klar: Der Farbton ist zu grau. Das gibt’s doch nicht. Woran liegt´s? Wie kann das sein? Wurde was falsch gemacht, geliefert, ausgesucht??? Stopp!!!!! Was hat uns das Leben gelehrt?

Keine Energie ins Problem. Alle Energie in die Lösung.

Zur Lösungsfindung ziehe ich mich erstmal zurück auf das Dach des Gebäudes. Ein schattiges Plätzchen mit Blick über Kashan. Doch genau den hab ich gerade nicht. Nach kurzer Zeit kommt Jerry zu mir. Brainstorming. Wie machen wir das Problem zur Situation? Die Thematik liegt auf der Hand und nach kurzem Austausch ist klar: Wir brauchen Weißpigment. Titandioxyd. Viel Titandioxyd. Und noch eine Tatsache muss durchdacht werden: Reicht das Material noch wenn wir die bereits fertigen Böden nochmal bearbeiten? Doch das hängt von mehreren Faktoren ab und deshalb klammern wir diese Frage erstmal aus.

Nach kurzem Gespräch mit der Architektin, die verständlicher Weise das Scheitern des „Projekts Boden“ schon vor Augen hatte, saßen wir in ihrem Auto Richtung Farbhandel. Ach ne! Echt? Farbhandel? Farbhandel  Ich ertappe mich dabei dieses Land zu unterschätzen. Im zweiten Laden die Überraschung. Er hat was wir brauchen.

Wir kaufen 2,5 kg Trockenpigment und machen uns auf den Rückweg zur Baustelle. Und zum Glück haben wir eine Küchenwaage dabei. Eine gute Vorbereitung ist schon was wert und hilft uns auch dieses Mal weiter.

Diese Waage war für das genaue Mischen der PU-Versiegelung gedacht. Jetzt ist sie ganz wesentlicher Bestandteil für das was kommt. Ich muss den Farbton angleichen und rezeptieren. Das heißt, eine genau definierte Menge des Marmorputzes und des Trockenpigments (mit einer gewissen Menge Wasser anteigen) mischen. Wer schon mal einen Farbton rezeptieren musste weiß, dass man ganz genau arbeiten muss. Alles dokumentieren, grammgenau. Ein zusätzlicher Faktor macht es nicht einfacher. Die Oberfläche intensiviert sich mit der Kopfversiegelung. Das bedeutet für mich: mischen, auf spachteln, trocknen lassen, polieren und versiegeln. Dann Farbton vergleichen ……..

Eineinhalb Tage später war ausrezeptiert (inklusive der zusätzlich benötigten Menge Wasser, da das reichlich zugeführte Pigment unser Material eindickte) und alle Eimer fertig gemischt. Zeitgleich haben Jerry und Michi die bereits fertig gestellten Flächen geschliffen, gesäubert und grundiert.

Durch den Kauf von weiteren 25 kg Weißpigment, die Zugabe zum Marmorputz und der mit 15%-igen Überhang kalkulierten Menge an Material war rein rechnerisch genug Marmorputz vorhanden.

Resultat:

Aus dem anfänglichen Problem machten wir eine Situation. Die haben wir letztlich bereinigt. Und wir sind wieder im Rennen. Und so fühlte sich das dann auch an.

Tägliche Arbeitszeit ab sofort: Sonnenaufgang 6.00 Uhr Ortszeit – bis Sonnenuntergang 21.15 Uhr

Der Sieg ist alternativlos. Aufgeben keine Option. Und so vergehen die Tage. Die Böden werden weißer.

 Die folgenden Tage

waren ohne besondere Highlights. Das war auch gut so. Wir hatten jede Menge Arbeit und bei der Hitze reicht das völlig. Wir fühlten uns ohnehin schon wie die Chaingang aus einem amerikanischen   Knastfilm. Jeden Tag früh morgens knapp 1 km zur Baustelle, zu Dritt, eine schmale von Mauern gerahmte Straße, kaum Menschen. Und die, die wir trafen glotzten uns an wie Außerirdische. Und das jeden Tag, hin und zurück. Spassfrei.

 

 

 

HotelDafür war das Hotel ein Hort der Ruhe. Gerade in den Abendstunden, so kurz nach der Dämmerung war die Stimmung einmalig.

Die Vögel, welche den Hof des Gebäudes zu ihrer Oase gemacht hatten wurden ruhiger, es wurde etwas kühler, so um die 34 Grad, und wir waren quasi alleine. Es war ja Ramadan, also keine Touris, keine Reisenden – nur das Personal und wir. Was fehlte war ein Schluck Bier oder Wein, dann wär es wirklich perfekt gewesen. Aber das wussten wir im Vorfeld.

Langsam, gaaanz langsam wurde uns klar: JA! Das schaffen wir. Die Architektin kam mehrmals am Tag zu mir mit der Frage: „How are you? Everything ok? Can we do it? Enough time?“

Anfangs noch verhalten, wurde meine Beschwichtigung zur klaren Aussage: „Yes, we can do this“ –Ja wir schaffen das. Ok, der Satz war geklaut bei unserer Bundes-Angie. Aber hier stimmt er wenigstens.

Am letzten Tag, am letzten Abend. Genau um 21:30 Uhr verließen wir die Baustelle. Fertig! Geschafft! Ab ins Hotel und unter die Dusche. Dann noch Abschlussbesprechung mit der Architektin.

Mittlerweile ist es 22:30 Uhr. Wir treffen uns in der Lobby. Sie bedauert den Stress den wir gehabt haben, ist froh über die Tatsache dass wir noch alles fertigstellen konnten. Sie lobt ausdrücklich unsere Professionalität, unsere Ausdauer, unser Krisenmanagement und, das freut mich besonders, dass wir unsere gute Laune nicht verloren haben und Alles immer mit einem Lächeln und positiver Energie angegangen sind. Diese Frau weiß was wir geleistet haben. Wir auch.

Hier unser offizielles Abschlussfoto. Letzter Tag, 21:45 Uhr am Projekt. (Der Versuch uns nach Hause zu „beamen“ ging leider schief 😉

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00:00 Uhr – Besprechung abgeschlossen. Ab ins Bett. Gegen 1:30 Uhr kommt unser Fahrer. Dann die 200 Kilometer nach Teheran. Der Flieger geht um 5:30 Uhr. Eine krasse Nacht. Aber es geht nach Hause – und das ist gut so!
Am Münchner Flughafen angekommen gehen wir dann erstmal ins Airbräu.

Ein Münchner Frühstück mit Weißwürsten, Brezen und Bier. Wir sind im Himmel!!

Und eine Sache wird uns jetzt klar, zumindest für den Moment: 15 Tage am

Stück werden wir nicht mehr machen, nicht so. Nicht ohne im Vorfeld die Bau-

stelle besichtigt zu haben, nicht ohne „Heimaturlaub“ zwischendurch, und sicher nicht zum Ramadan.

Resümee

Ja, es war ein Erlebnis. Wir haben viel gesehen und erlebt. Wir werden diese Eindrücke für immer in uns tragen. Wir durften eine Kultur erleben die sich in Wirklichkeit völlig anders präsentiert als in unseren Medien dargestellt. Wir trafen durchwegs auf freundliche Menschen, wir hatten nie das Gefühl nicht willkommen oder gar gefährdet zu sein. Auch nicht wenn wir alleine unterwegs waren. Wir durften andere Werte erfahren und das aus der Basis, nicht als Touristen. Mein Bild eines dunklen Staates, in welchem die Menschen keine Freude haben, durfte ich revidieren. Natürlich ist es mit der persönlichen Freiheit nicht weit her, aber die Menschen machten auf mich keinen unglücklichen Eindruck. Ganz im Gegenteil. Wir durften mit ihnen lachen, wir sahen sie Späße machen und in dem kleinen Lebensmittelladen, in welchem wir unsere tägliche Ration an Süßigkeiten und Getränke besorgten, wurden wir schon nach kurzer Zeit wie Freunde behandelt. Die politische Lage ist natürlich eine andere. Diese zu beurteilen überlassen wir Anderen und maßen wir uns nicht an.

Kurzum, ich bin froh. Froh über die Tatsache, dass meine Neugier wieder einmal über meine Skepsis gesiegt hat. Das Leben ist einfach zu kurz um in Langeweile zu vergehen.

Btw:

Ein paar Monate zuvor hatten wir in Athen zu tun. Zwei Bäder. Aber das war ein Heimspiel. Im direkten Vergleich nicht der Rede wert. So ist das im Leben. Alles relativ.

 Kulturelles

  1. Der dicke Daumen

Nachdem ja die sprachliche Barriere am Projekt relativ groß war und außer der Architektin niemand Englisch gesprochen hat, versuchten wir mit Händen und Füßen zu vermitteln wenn wir etwas benötigten. Wenn´s dann geklappt hat dann macht man als Angehöriger der westlichen Kultur was?

Klar, wir recken den Daumen aus der Faust nach oben. Ein eindeutiges Zeichen für: Gut gemacht, top, passt, danke.

Eindeutig ja, auch in der persischen Kultur. Aber die Bedeutung ist eine völlig andere. Am 3. Tag, zu der Zeit wo wir noch dachten das wird ein easy Job, war ich abends im www unterwegs. Informationen über persische Kultur sammeln. Und siehe da, was muss ich lesen? In einem der zahllosen Reisebereichte stand es. Vorsicht mit westlicher Zeichensprache. Der nach oben gereckte Daumen ist ähnlich unsres nach oben gereckten Mittelfingers. UUPS!! Fail. Mist. Peinlichpeinlich.

Und wir haben uns schon gewundert. Über die etwas merkwürdigen Gesichter nach unserem „Lob/Dank“. Selbstverständlich haben wir uns am nächsten Tag entschuldigt. Die Architektin musste lachen. Sie hat lange Zeit in Kanada gelebt und somit war nach einer kurzen Erklärung an den Bauleiter die Sache bereinigt.

  1. Der unsichtbare Daumen

Im Hotel. Wir sitzen im Restaurant und ich bestell 3 Cappuccini und 3 Wasser. Eine meiner Eigenarten ist das Sprechen mit den Händen. Die sind bei mir immer in Bewegung. Ist auch oftmals hilfreich. Zumal das Personal nur dürftige Englischkenntnisse hatte. Also Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger nach oben. Die Bedienung geht – und bringt 2 Cappuccini, geht wieder und bringt 2 Wasser. Häh?

Ich bestell also nach. Alles gut.

Am nächsten Tag das Gleiche. Und am übernächsten. Ich versuch´s dann mit einer Variante: Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger. Man glaubt es nicht, aber so klappt´s. Was haben die nur für ein Problem mit dem Daumen? Das wichtigste Glied an der Hand und so missachtet. Wäre sicher interessant das zu ergründen. Aber dafür haben wir keine Zeit.

Was allerdings bleibt ist der zweimalige Gang mit Tablett.

  1. Klopfzeichen

An den Türen der „besseren Häuser“ waren seit alters her schwere, metallene Klopfer angebracht. Klar, es gab ja keine Klingeln. Aber hier sind es immer zwei. Die Erklärung lieferte uns ein junger Architekt, der uns am ersten Tag die Stadtführung gab. In der alten muslimischen Kultur war der einzige Bereich in welchem sich die Frauen einigermaßen frei bewegen konnten innerhalb der Gebäude und in den Innenhöfen. Wenn Besuch kam war es eben von großem Vorteil schon am Klopfen zu erkennen, ob der Kommende männlich oder weiblich war. Deshalb die in der Form unterschiedlichen „Klopfer“. Auf mich hinterließen jedoch die Formen einen zumindest nachdenkenswerten Eindruck. Ich denke niemand muss lange darüber sinnieren welcher Klöppel für welches Geschlecht gedacht war 😉

 

 

  1. Kalk, Boden, Teppich

Warum fahren wir nach Kashan um Böden weiß zu spachteln? Dieser Kulturkreis hat doch wunderschöne Teppiche. Stimmt. Aber geschichtlich betrachtet wurde uns das folgendermaßen erklärt:

Die persische Kultur ist mehrere tausend Jahre alt. Eine ehemalige Hochkultur auf die man sicher stolz sein darf. Seit jeher auf der Handelsroute zwischen West und Ost gelegen war hier großer Reichtum und ein feiner Lebensstil angesiedelt. In den besseren Häusern waren die Wände und Decken weiß. Mit mehrlagigem Kalk verputzt, geglättet, geschlämmt und mit reichlich geometrischen Formen dreidimensional verziert. Jeder Stuckateur hätte seine wahre Freude. Vermutlich lag es an der Wüste, den Felsen und der oft etwas schroffen Natur. Aber auch die Böden wurden mit Kalk verputzt. Im ersten Moment und vermutlich auch die ersten Wochen sicher schön anzusehen. Aber Kalk wird eben nicht so stabil um damit langfristig Böden zu gestalten. Eine findige Kultur weiß sich jedoch zu helfen. Der Beginn der Perserteppiche. Mit deren Hilfe wurden die Böden stabiler – aber leider nicht mehr weiß.

Und da kommen wir ins Spiel. Unsere weißen, abriebfesten, reinigungsfähigen und homogenen  Flächen begeisterten Architekten, Bauherren und Handwerker gleichermaßen. Ein weißer Boden ist wiedergebrachte Tradition, ein erfüllter Traum. Schön dabei zu sein.

  1. Öffentlichkeitsarbeit

Die Wertigkeit dieses Bauvorhabens war mir zwar in einem gewissen Rahmen bewusst, aber, wie sich herausstellte dann doch nicht so ganz. Von Anfang an begleitete uns bei unseren Arbeiten ein Kamerateam. Richtig gelesen: Wir wurden gefilmt. Cool. Fand ich angemessen;-)))

Es wird eine Dokumentation über dieses Projekt geben. Das landesweite Interesse an diesem Projekt ist in bestimmten Kreisen groß. Und so war es auch nicht besonders verwunderlich als die Frage der Architektin kam: „ Herr Paulus, könnten Sie für eine Gruppe von Architekten eine kleine Vorführung organisieren? Die Leute kommen aus Teheran und möchten Sie kennenlernen und einen Eindruck bekommen von dem was Sie so machen.“

Oha, die fahren über 200 km um mich zu sehen? Freut mich! Ehrt mich! Und macht mir zusätzlichen Stress. Aber was soll´s. Grenzen setzt man sich selbst – und die kann man auch verschieben. Oder auf bayrisch: Is da Berg a no so steil – a bissal was geht allerweil!

Also Tafeln vorbereitet. Natürlich für jeden Arbeitsgang eine. Die wollen ja einen Eindruck bekommen was da so geht. Tags drauf rückten sie dann schon an. Ich hab mir ein Beispiel an den Kochsendungen genommen: „Ich hab da schon mal was vorbereitet“. Der Gag saß und wurde sofort verstanden. Essen und Kochen ist scheinbar international und kulturübergreifend. Das Eis war gebrochen und zum Schluss gab es noch Fotos (mit mir natürlich) und Visitenkarten. Viele Fragen nach Stabilität, technischen Details und Möglichkeiten durfte ich noch erklären und nach nettem Smalltalk folgte auch schon die Verabschiedung. Kurz, interessant, lässig!

Jacuzzi

Also ein Sitzentspannungsbecken. Gleich zu Anfang, am ersten Tag wurden wir gefragt ob wir denn den Jacuzzi auch spachteln könnten. Jerry, unser fronterprobter Kämpfer, war nicht zu halten. Besondere Aufgaben sind für ihn unwiderstehlich. Nach ein paar Sätzen gab ich mein OK. Was ich leider nicht halten konnte. Der Pool war relativ frisch betoniert und so war klar, dass wir damit erst in der 2. Woche beginnen würden. Bei der nochmaligen Inspektion Anfang der 2. Woche kam nach meinem anfänglichen OK das KO. Es zeigten sich Risse in der Betonoberfläche. Risse in einem augenscheinlich vollständig, massiv betonierten Pool von der Größe 2,50 m x 1,70m? Klopfprobe.Jacuzzi Klingt hohl. Also? Was kommt? Richtig! Die „kleine Hammerprobe“ allseits beliebt und immer wieder gern genommen. Die Erkenntnis: Betonieren ist nicht so leicht wie manche glaubt. Und: der örtliche „Betonierer“ gehört nicht zwingend zu den Spezialisten. Nach der notwendigen Besprechung mit der Architektin wurde wiederum der Bauleiter hinzugeholt. (Eine weitere Möglichkeit Freunde zu werden?) Er erklärte dann, dass dies tatsächlich Beton sei. Bis ich ihm vor Augen führte wie stabil sein Gemenge aus Sand, Zement und Wasser ist. Die herausgebrochenen Teile ließen sich mit nur einer Hand zerbröseln.

 

Ortswechsel. Das angrenzende Grundstück war der Bauhof. Eine alte, heruntergekommene Schule wurde gleich zu Beginn des Projektes zum Bauhof umfunktioniert. Hier sollte der Bauleiter auf Geheiß der Architektin seine Art der Betonierung vorführen. Meine erste Frage: „Welchen Sand benutzt ihr hier?“ Wie sich herausstellte war das ein Volltreffer. Inmitten der alten  Geräte, Gerüste, Schaufeln, Wannen, Alteisen und Sonstigem war ein großer Haufen. Ca. 2 Kubikmeter, Sand??!

Ja sagt er, das wäre der Sand. Ich bat um einen Eimer mit sauberem Wasser. Etwas wiederwillig wurde der gebracht. Ich nahm eine Handvoll Sand  und rein damit ins Wasser. Braun. Das Wasser war braun. „Das ist kein Sand!“ sagte ich. Da ist Sand mit dabei, aber eigentlich ist das Müll. Ob er denn sauberen, gewaschenen Sand hätte? Also den müsste er erst besorgen. OK. Etwas später war der Sand da. Ich ließ mir das weitere Vorgehen erklären: Also Sand in eine Wanne, Wasser dazu, Zement oben drauf und rühren.

Rühren? Mit was? Na mit der Schaufel! Aha, und dann? Dann rein damit in die Schalung und oben nochmal Wasser drauf. Warum? Damit es nicht austrocknet. AHA! Hätte wirklich nicht gedacht dass man hierbei so viel falsch machen kann.

Also. Was folgte war Betonkunde für Anfänger. Alles erklärt, alles vorgeführt inkl. Hinweis auf ein vernünftiges Gerät zur Erstellung einer homogenen Mischung aus festen und/oder flüssigen Materialien, auch Rührwerk genannt. Hat er nicht! Na dann.

Ich weiß, das war nicht so sozialverträglich. Das war aber auch der drittletzte Tag. Meine körperliche und mentale Verfassung war schon etwas angekratzt. Ich gab mein Bestes – wirklich. Ob es fruchtet?

Weiß ich noch nicht. Aber im Oktober darf ich nochmal runter fliegen – Jacuzzi spachteln;-))))

 

 

 7. Sicherheitslage

Jeder Sicherheitsbeauftragte kriegt hier Haarausfall.

Der richtige Begriff muss hier heißen: Unsicherheitslage. Die Bilder sprechen für sich. Welch ein Glück nur für die Böden zuständig zu sein.

Keine Versicherung der Welt würde im Falle eines Falles bezahlen, wenn diese Faktoren und Tatsachen bekannt wären.Das Beste hatten wir leider nicht fotografiert: Gleich am ersten Tag bei unserem ersten Besuch auf der Baustelle sahen wir in einer Steckdose zwei Nägel herausstehen. Um die Nägel waren zwei Drähte gewickelt. Ging ja auch nicht anders – der Stecker vom Verlängerungskabel fehlte! Das ist ehrlicher, gelebter Pragmatismus.

Wir waren wirklich froh keine Leiter benutzen zu müssen, auf kein Gerüst angewiesen zu sein, dass die Sonne hell genug schien und wir unsere eigenen elektrischen Geräte mitgebracht hatten. So war unsere körperliche Unversehrtheit gewährleistet. Und das war echt beruhigend.

 

 

              

 

  1. Eigentumsverlust

Ab der ersten Spachtelung betreten wir die Flächen nicht mehr in Schuhen. Dafür haben wir weiße Badeschlappen, welche wir vor der jeweiligen Tür stehen lassen und in Socken
über die Flächen laufen. Michi macht alle Zwischenschliffe und geht durch  die Räume. Als er wieder mal mit einem Raum fertig ist öffnet er die Tür. Und die Schuhe haben sich etwas verändert. Aus seinen weißen, sauberen, neuen Badeschuhen wurden innerhalb der letzten 30 Minuten graue, schmutzige alte Latschen. „Mensch Robert“ schallt es durchs Gebäude, „ da hat mir Einer meine Schuhe geklaut!“ Ich kann mich fast nicht halten vor Lachen. „Naja“ sag ich, „aber er hatte Anstand, wenigstens hat er Dir seine Alten da gelassen“.

Wir haben dann unsere Schuhe beschriftet und gut war´s.

Denn Eines ist klar:

 

Wo „edle Räume“ drauf steht ist auch ausschließlich „edle Räume“ drin.

 

 

  1. Decken und Wände

Hier noch eine kleine Auswahl an Bildern von Stuckarbeiten vor Ort. Die haben echt was drauf. Diese dreidimensionale Ornamentik ist schon beeindruckend. Hier in Europa sicher unbezahlbar. Aber wenn ein iranischer Arbeiter ein Zehntel von einem Deutschen verdient, ist vieles realisierbar was für uns unmöglich scheint. Auf alle Fälle sehenswert.
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