Von Schein und Sein

(Jedem seinen Schein?)

 

Manche Informationen die man so tagtäglich erhält sind normal, einfach und gehören zum Alltag. Ab und An passiert es jedoch dass eine Nachricht, die einen ereilt, doch etwas skurril erscheint. Der Duden meint hierzu: skurril:„ sonderbar, absonderlich anmutend, auf lächerliche oder befremdende Weise eigenwillig; seltsam“ In diesem besonderen Fall nehme ich „sonderbar und befremdend“ – lächerlich ist es auf keinen Fall.

 

Doch zu dem Vorfall:

Vor kurzem fand in München, praktisch vor den Toren der „edlen Räume“ eine Tagung statt. (Vorab: Ich war nicht vor Ort, meine Kontakte sind nur entsprechend.) Die Delegiertentagung der bayrischen Meisterprüfungsausschüsse unseres schönen Handwerks gab sich die Ehre, in der HWK für München und Oberbayern, zu tagen. Dabei geht es natürlich um vielerlei Themen. Das für mich zentrale Thema jedoch ist die Meisterprüfung.

Wer mich etwas besser kennt weiß ja um meine Meinung dazu. Über die fachliche Qualifikation von Jungmeistern die nach 2-3 Lehrjahren mit anschließender Gesellenprüfung direkt an die Meisterschule wechseln, um nach wenigen Monaten zwar mit Meistertitel aber sehr wenig praktischer Erfahrung auf die Kunden losgelassen werden, sollte man durchaus mal nachdenken

Jetzt hat sich in besagter Sitzung folgendes zugetragen: Gleich zu Anfang wurde, durch den Sachgebietsleiter der Meisterprüfungen in der HWK München, bei der Durchsicht der Prüfungslisten besonders das Ergebnis von Oberfranken als beneidenswert dargestellt. Jede Kammer muss zu ihrem Ergebnis der letzten Meisterprüfung Stellung nehmen. Als Oberfranken an der Reihe war, gab der Leiter der Meisterschule Bayreuth folgendes Statement ab:

Unser Ergebnis ist nicht beneidenswert, sondern bemitleidenswert! Es war uns nicht möglich Prüflinge durchfallen zu lassen obwohl sie bis zu viermal „ungenügend“ und ein „mangelhaft“ in der praktischen Prüfung abgeliefert haben. Aufgrund ihres guten Kundengespräches mit der Note „Gut“ wurde mit der Auswertungssoftware ein “bestanden“ ausgeworfen. Durch diese Tatsachen gab es heftige Diskussionen und Streit innerhalb des Prüfungsausschusses, und sogar das Angebot das Amt als Prüfer niederzulegen.

Dieser Zustand ist unserer Meinung nach nicht im Sinne der Meisterprüfung. Denn schlechte Arbeit gut zu verkaufen ist in unserem Sinne nicht meisterlich. Das Ergebnis von Null Durchfallern ist nicht zu beneiden denn eigentlich müsste hier mindestens eine 4 stehen.Wie beurteilt der Bundesverband diesen Zustand und wie begründet der Verband das Bewertungssystem der Prüfung?“ Zitat Ende.

Wirklich bemerkenswert ist die Antwort, welche ohne viel zu überlegen vom Bundesverband für Farbe und Gestaltung kam:

„Nach den gängigen Prüfungskriterien ist es nicht das Ziel, handwerkliche Fertigkeiten und das Können davon zu prüfen. Dieses ist Bestandteil der Facharbeiterprüfung. Die Meisterprüfung dient dazu einen Betrieb führen zu können.“ Zitat Ende.

Und außer einem grundsätzlichem, stillem Entsetzen der Anwesenden gab es weder Widerspruch noch eine Diskussion. Hoppla, habe ich da etwas nicht mitgekriegt? Ist da etwas verrutscht? Bei einem Malermeister ist die technische Qualifikation auf dem Level eines Junggesellen? Er muss nur gut verkaufen können?

Das ist der Anspruch unseres Berufsverbandes? Wir sollten uns nicht wundern wenn die deutsche Handwerksordnung und unser Ansehen weiter den Bach runter gehen. Wenn ein ehemals tolles und anspruchsvolles Handwerk weiter zum Erfüllungsgehilfen verkommt. Was hat ein potenzieller Kunde zu erwarten von einem Handwerker der zwar gut verkaufen kann, aber das fachliche Knowhow nach der Gesellenprüfung lt. Dachverband abgeschlossen ist?Zu Bemerken wäre hier nochmals die Tatsache dass es keine Warte- oder Gesellenzeit mehr zwischen Gesellenprüfung und dem Besuch der Meisterschule gibt. Also die fachliche Erfahrung dieser nicht mehr notwendigen Zeit den Jungmeistern ohnehin fehlt.

Klar, als guter Handwerker muss man heute verkaufen können, sich und seine Leistung. Das ist wesentlich für den wirtschaftlichen Erfolg. Eine Leistung jedoch zu verkaufen bei der im Falle der Auftragserteilung das fachliche Know-how des Meisters fehlt wird zu keinem Erfolg führen. Dabei weiß ich natürlich dass viele Kollegen ihr Tagesgeschäft mit vorgefertigten Leistungsverzeichnissen tätigen. Ein Architekt, eine Ausschreibende Stelle, ein institutioneller Kunde erstellt eine Ausschreibung bei der alle Materialien und Arbeitsweisen vorgeschrieben sind. Da ist tieferes fachliches Wissen schon mal verzichtbar. Schlimm genug dass unser Handwerk zur Gleichschaltung und Vergleichbarkeit auf solch ein niedriges Maß reduziert wird.

Der Anspruch unseres Verbandes sollte jedoch höher sein. Wo sind die jahrhundertealten, positiv-konservativen Werte, die unser Handwerk über all die Zeit entwickelt hat? Wo sind die Werte die in unserer Gesellschaft den Stand des Meisters ermöglichten und die Tradition des deutschen Handwerks begründeten? Was können wir erwarten von einer Zukunft die mit Digitalisierung, Globalisierung, Social Media und immer offeneren Märkten genügend Herausforderungen für uns bereit hält? Das Handwerk hat eine lange Tradition in Deutschland, es hat über Jahrhunderte unsere Gesellschaft geformt, entwickelt und ernährt, Häuser, Kleidung Fahrzeuge, Werkzeuge – das Alles kam weit vor der Industrialisierung vom Handwerk. Leider hat es das Handwerk nicht verstanden die Werte in die Neuzeit zu retten und weiter zu entwickeln.

Die Industrie hat ihre Hausaufgaben da deutlich besser gemacht. Wie sonst ist es zu erklären dass die Meisterschulen heute noch mit 10% Gewinn und Wagnis den angehenden Meistern die Kalkulation beibringen und gleichzeitig die Industrie mit 200, 300% oder noch mehr Gewinnaufschlag kalkuliert? Ist unserer Hände Arbeit denn weniger Wert als die einer Maschine? Offensichtlich ja! „Das Handwerk schafft sich ab“ schrieb mein Freund und Geschäftspartner Alexander Baumer vor nicht langer Zeit. Das stimmt zu 100%. Das Handwerk und seine Werte werden mit Unterstützung von „Oben“ abgeschafft – und wir sehen zu.

Natürlich ist mir bewusst dass es im Handwerk völlig unmöglich ist die Gewinnaufschläge der Industrie zu adaptieren, aber ein Bruchteil davon würde ja schon genügen. Doch die möglichen Gewinne streichen Andere ein. Bauträger und Genossenschaften knechten ihre Erfüllungsgehilfen (Handwerker) und wollen verständlicherweise den vollen Gewinn einstreichen.

In Zeiten der vollen Auftragsbücher gelingt es den wenigsten Handwerksbetrieben höhere Preise zu generieren. Die Logik von Angebot und Nachfrage setzt sich hier leider nicht durch. Wenn wir es in Zukunft nicht verstehen unsere Wertigkeiten und Fähigkeiten klar zu definieren wird’s wohl schwierig. Sich im Hier und Heute klar zu positionieren ist wichtiger denn je und die Richtung dafür legt jeder Einzelne für sich selbst fest.

Robert Paulus